J. P. Eckermann, Gespräche mit Goethe (22)

Johann Peter Eckermann,
Gespräche mit Goethe (22)

In Jena in Schillers Gartenhaus

Band 3
Jena, Montag, den 8. Oktober 1827.

Wir standen frühzeitig auf. Während dem Ankleiden1) erzählte Goethe mir einen Traum der vorigen Nacht, wo er sich nach Göttingen versetzt gesehen und mit dortigen Professoren seiner Bekanntschaft allerlei gute Unterhaltung gehabt.

Wir tranken einige Tassen Kaffee und fuhren sodann an dem Gebäude vor, welches die naturwissenschaftlichen Sammlungen enthält. Wir besahen das anatomische Kabinett, allerlei Skelette von Tieren und Urtieren, auch Skelette von Menschen früher Jahrhunderte, bei welchen Goethe die Bemerkung machte, dass ihre Zähne eine sehr moralische Rasse andeuteten.

Er ließ sich darauf nach der Sternwarte fahren, wo Herr Doktor Schrön uns die bedeutendsten Instrumente vorzeigte und erklärte. Auch das anstoßende meteorologische Kabinett ward mit besonderem Interesse betrachtet, und Goethe lobte Herrn Doktor Schrön wegen der in allen diesen Dingen herrschenden großen Ordnung.

Freisitz in Schillers Jenaer Garten
In Schillers
Jenaer Garten

Wir gingen sodann in den Garten hinab, wo Goethe auf einem Steintisch in einer Laube ein kleines Frühstück hatte arrangieren lassen. »Sie wissen wohl kaum, sagte er, an welcher merkwürdigen Stelle wir uns eigentlich befinden. Hier hat Schiller gewohnt. In dieser Laube, auf diesen jetzt fast zusammengebrochenen Bänken, haben wir oft an diesem alten Steintisch gesessen und manches gute und große Wort miteinander gewechselt. Er war damals noch in den Dreißigen, ich selber noch in den Vierzigen, beide noch im vollesten Aufstreben, und es war etwas. Das geht alles hin und vorüber; ich bin auch nicht mehr der ich gewesen, aber die alte Erde hält stich und Luft und Wasser und Boden sind noch immer dieselbigen.«

»Gehen Sie doch nachher einmal mit Schrön hinauf und lassen sich von ihm in der Mansarde die Zimmer zeigen, die Schiller bewohnt hat.«

Wir ließen uns indes in dieser anmutigen Luft und an diesem guten Orte das Frühstück sehr wohl schmecken. Schiller war dabei wenigstens in unserm Geiste gegenwärtig und Goethe widmete ihm noch manches gute Wort eines liebevollen Andenkens.

Ich ging darauf mit Schrön in die Mansarde und genoss aus Schillers Fenstern die herrlichste Aussicht. Die Richtung war ganz nach Süden, sodass man stundenweit den schönen Strom, durch Gebüsch und Krümmungen unterbrochen, heranfließen sah. Auch hatte man einen weiten Horizont. Der Aufgang und Untergang der Planeten war von hier aus herrlich zu beobachten und man musste sich sagen, dass dies Lokal durchaus günstig sei um das Astronomische und Astrologische im Wallenstein zu dichten.

Friedrich Schiller
Friedrich Schiller
1759-1805

Ich ging wieder zu Goethe hinab, der zu Herrn Hofrat Döbereiner fahren ließ, den er sehr hoch schätzt und der ihm einige neue chemische Experimente zeigte.

Es war indes Mittag geworden. Wir saßen wieder im Wagen. »Ich dächte, sagte Goethe, wir führen nicht zu Tisch nach dem Bären, sondern genössen den herrlichen Tag im Freien. Ich dächte wir gingen nach Burgau. Wein haben wir bei uns und dort finden wir auf jeden Fall einen guten Fisch, den man entweder sieden oder braten mag.«

Wir taten so und es war gar herrlich. Wir fuhren an den Ufern der Saale hinauf, an Gebüschen und Krümmungen vorbei, den anmutigsten Weg, wie ich ihn vorhin aus Schillers Mansarde gesehen. Wir waren sehr bald in Burgau. Wir stiegen an dem kleinen Gasthofe ab, nahe am Fluss und an der Brücke, wo es hinüber nach Lobeda geht, welches Städtchen wir über Wiesen hin nahe vor Augen hatten.

In dem kleinen Gasthofe war es so wie Goethe gesagt. Die Wirtin entschuldigte dass sie auf nichts eingerichtet sei, dass es uns aber an einer Suppe und an einem guten Fisch nicht fehlen solle.

Wir promenierten indes im Sonnenschein auf der Brücke hin und her und freuten uns des Flusses, der durch Flößer belebt war, die auf zusammengebundenen fichtenen Bohlen von Zeit zu Zeit unter der Brücke hinglitten und bei ihrem mühsamen nassen Geschäft überaus heiter und laut waren.

Wir aßen unsern Fisch im Freien und blieben sodann noch bei einer Flasche Wein sitzen und hatten allerlei gute Unterhaltung.
[...]

Eckermann, Gespräche mit Goethe [Überschrift, Nummerierung und Abbildungen vom Herausgeber eingefügt. An der gekennzeichneten Stelle themenorientiert gekürzt.]
1) Der Gebrauch des Dativs entspricht der Originalfassung. Moldenhauer (1884) korrigierte in der von ihm herausgegebenen Ausgabe der "Gespräche" Eckermann, indem er stillschweigend den Genitiv einsetzte. Eckermann verwendet in den "Gesprächen" die Präposition "während" sowohl mit dem Genitiv als auch mit dem Dativ. So schreibt er beispielsweise einmal "während des Lesens" (15. Januar 1827) und an anderer Stelle "während dem Lesen" (18. Januar 1825). Er folgt hierin seinem Vorbild Goethe, der z. B. schrieb: "... denn wenn der Geist während dem Spiel darauf gerichtet sein soll ..." (Regeln für Schauspieler, § 76). Auch die Präposition "wegen" verwendete Goethe anscheinend regellos sowohl mit dem Genitiv als auch mit dem Dativ (Goethes Tagebuch, 28.9.1831: "Berliner Staatszeitung, wegen dem neulichen atmosphärischen Phänomen ..."; in einem Atemzug in Goethes Tagebuch am 16.2.1825: "wegen den Skeletten", "wegen dem Schreiben", "wegen des Geburtstags").
In der sog. "Ausgabe letzter Hand" von Goethes Werken sorgte der junge Jenaer Professor Carl Wilhelm Göttling als Korrektor "treufleißig" (Goethe) für die sprachliche Richtigkeit, wobei Goethe sich wiederholt veranlasst sah, den strengen Korrektor um Nachsicht zu bitten (z. B. 8.10.1825 und 23.12.1829).
Die Fortsetzung dieses Gesprächs ist für Freunde der Amateur-Ornithologie in das Gespräch 22a ausgegliedert.

Literatur

Helmuth Hinkfoth
Goethes
Gesprächspartner
Eine grundlegende
Biografie
Grundlegende Eckermann-Biographie Erzählung: Am Haken des Lebens
Helmuth Hinkfoth
Eckermanns Leben in
einer einfühlsamen
novellenartigen
Erzählung
Eine anregende Eckermann-Biographie
Helmuth Hinkfoth
Goethes
Gesprächspartner
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Biografie