»Wo finden Sie auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes – eine ausgesuchte Bibliothek und ein Theater, das den besten anderer deutschen Städte keineswegs nachsteht. Und es gehen von dort die Tore und Straßen nach allen Enden der Welt. [...] Wählen Sie Weimar zu Ihrem Wohnort. [...] Für eine Wohnung in meiner Nähe werde ich sorgen.« Goethe, der lebens- und welterfahrene Mann aus den Honoratiorenkreisen Frankfurts am Main, wusste, wie er Menschen in seinem Sinne beeinflussen konnte, und so verleitete er auch den unerfahrenen Provinzler Eckermann dazu, zumindest den bevorstehenden Winter im kleinen thüringischen Weimar zu bleiben und für ihn zu arbeiten.
Aus ein paar Monaten wurden zunächst neun Jahre an Goethes Seite bis zu dessen Tod und schließlich weitere entbehrungsreiche zweiundzwanzig Jahre, bis Eckermann selber im ungeliebten Weimar starb, in der Fremde, todkrank, verarmt und von der Weimarer Gesellschaft vergessen. Während dieser armseligen Zeit prägte der verbitterte Blick auf jene, denen es besser ging als ihm, dem Poeten, auch Eckermanns Bewusstsein.
Das Wissen um Eckermanns Wohnungen in Weimar wird von jeher von Missverständnissen bestimmt. Das liegt u. a. an den wiederholt vorgenommenen Änderungen von Straßennamen (z. B. Teinerts Gäßchen in Deinhardtsgasse, diese in Brauhausgasse. Brauhausstraße in Steubenstraße) sowie an ähnlich lautenden Straßennamen (Brauhausgasse und Brauhausstraße; Markt/Am Markt und Marktstraße).
Das von Goethe versprochene erste feste Quartier Eckermanns in Weimar befand sich im Hause Brauhausgasse 13, damals Deinhardtsgasse. Dort wohnte er bis zu seiner Heirat mit Johanne Bertram im Jahre 1831. Die frischvermählten Eheleute Eckermann zogen dann in das Haus am Theaterplatz 1a, in welchem einige Jahre zuvor Johanna Schopenhauer ihren berühmten Salon unterhalten hatte. Die Ersparnisse der jungen Frau Eckermann sowie einige Geschenke des Hofes ermöglichten eine gutbürgerliche Einrichtung. Johanne Eckermann − ihr Mann gab ihren offizellen Namen irrtümlich stets mit Johanna Eckermann an − sorgte dafür, dass statt der unzähligen Vögel, die in der Wohnung in der Brauhausgasse ihr Dasein gefristet hatten, nun duftende Blumen und gerahmte Bilder eine wohnliche Biedermeier-Atmosphäre schufen.
Nach dem frühen Tod seiner Frau am 30. April 1834 wohnte Eckermann mit Sohn Karl dort noch einige Jahre, ehe er ungefähr im Jahre 1842 in den ersten Stock des stattlichen Hauses des Tuchmachers Zünckel an der Ecke Breite Gasse/Kaufstraße (heute Marktstraße 2) zog, eine, wie Eckermann sich ausdrückte, »einigermaßen anständige Wohnung«. Diese behielt er sogar während seiner Abwesenheit in den Jahren 1844−46 bei. Auch hier im Hause Zünckel hielt Eckermann − sehr zur Freude seines kleinen Sohnes Karl, jedoch zum Leidwesen seiner durch Lärm und Gerüche belästigten Nachbarn − zahlreiche Vögel und Säugetiere.
Seit wahrscheinlich ca. 1852/53 bewohnte Eckermann mit seinem Sohn Karl und einer Haushälterin sowie einer stattlichen Menagerie von Vögeln und anderem Getier eine Wohnung in der zweiten Etage des Hauses Markt 6, der damaligen Drogerie "Zum weißen Falken".
Nachdem man ihm wegen seines eigenwilligen Verhaltens gekündigt hatte, mietete Eckermann, inzwischen eine von der Weimarer Gesellschaft unbeachtete Person, seit ca. 1853/54 mit Sohn Karl eine Erdgeschosswohnung in der heutigen Steubenstraße, damals Brauhausstraße, bei dem Kammermusiker Klemm, in welcher er am 3. Dezember 1854 in Anwesenheit seines Sohnes Karl an den Folgen eines Schlaganfalls starb.
«Die Wohnung Eckermanns, die schwerlich dem Ideal einer echten Hausfrau entsprochen haben würde, war für uns Jungen ein Eldorado. Ich rieche noch im Geiste den Menagerieduft, der alle Räume durchzog; wimmelte es doch an allen Ecken und Enden von behaarten und befiederten Hausgenossen, die teils in Käfigen untergebracht waren, teils frei umherliefen und ihrem Naturtrieb, allerdings nicht zur Erhöhung der Reinlichkeit und Vermehrung der guten Luft, nirgends Zwang antaten und anzutun brauchten. Von einem seiner Hauswirte, der sich einmal über diese Zustände beschwerte und dabei vielleicht über Eckermanns Lieblinge etwas starke Ausdrücke gebraucht hatte, behauptete er, das sei ein ganz gefährlicher Kerl, von dem man sich jeder Bosheit versehen könne.Die Perlen dieser Menagerie, soweit sie mir noch gegenwärtig sind, waren ein Marder, Ratz genannt, der als besondere Leckerei Honig erhielt, und ein ganz zahmer, überaus drolliger Wiedehopf, welcher frei umherflog und auf den Namen Up hörte, zwei Repräsentanten der Tierwelt, denen der Volksmund bekanntlich eine andere Eigenschaft als den Rosen und Veilchen beilegt, was Eckermann freilich entrüstet als böswillige Verleumdung erklärte. Abgesehen von diesen gefangenen Kindern der Wildnis, wurde auch mit den Autochthonen des Hauses, den Mäusen, intimste Freundschaft unterhalten; besonders eine semmelblonde Spielart, die Isabelle genannt, war der erklärte Liebling, und als sie einestags, nachdem sie schon längere Zeit vermisst war, als eingetrocknete Mumie hinter einem Stoß Bücher gefunden wurde, war die Trauer groß. Einmal, ich weiß es noch wie heute, sagte der Alte zu mir: "Komm min Jong, wir wollen einen Spaziergang machen!"
Dabei griff er nach einem im Schrank befindlichen Paar Stiefeln, das eine Weile außer Gebrauch gewesen war; da stellte es sich heraus, dass inzwischen eine Mäusemutter in dem einen ihr Wochenbett abgehalten hatte. Pietätvoll stellte Eckermann den Stiefel mit seinem zarten Inhalt auf den alten Fleck und suchte ein anderes Paar hervor.»
William Marshall (geb. 1845, Kamerad von Eckermanns Sohn Karl)
Helmuth Hinkfoth (Hg.)
«Wenn Goethe und einzelne höchst geistreiche Männer nicht meine Freunde und mein täglicher Umgang wären [...], ich möchte hier keinen Tag bleiben. Denn die hiesige Natur, die Stadt, und das Volk bieten wenig Anziehendes.»
Warum verließ Eckermann angesichts all der Beschwernisse Weimar nicht einfach? — Die banale Antwort lautet: Er hatte kein Geld! Er besaß schlichtweg nicht die finanziellen Mittel, um an einem anderen Ort, vorzugsweise in der Residenzstadt Hannover, einen Neuanfang zu wagen. Ohne Ersparnisse, ohne ausreichende feste Einkünfte und ohne die Aussicht auf eine feste Anstellung lag er an der Kette des spärlichen Ehrensolds, den ihm die weimarische Großherzogin zuverlässig gewährte, der jedoch zum Überleben für sich und seinen kleinen Sohn nicht annähernd reichte.
»Wer ihn nicht aufsuchte, für den lebte er nicht.«
»Eckermanns "Mitteilungen aus Gesprächen mit Goethe" haben ihm ein bleibendes Denkmal gestiftet [...]. Keiner, der [in Weimar] Goethes Spuren aufsucht, wird vergessen, auch das bescheidene Grab des treuesten aller verehrenden Diener des Genius aufzusuchen.«
J. P. Eckermanns
gemächliche Reisen
Anhang: Eckermanns
Weimarer Wohnungen