Eckermann in Goethes Weimar

Dichterdenkmal in Weimar, Theaterplatz Dichterdenkmal in Weimar, Theaterplatz
Das Dichterdenkmal aus dem Jahre 1857
zur Ehrung Goethes und Schillers vor dem
Deutschen Nationaltheater in Weimar

»Wo finden Sie auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes – eine ausgesuchte Bibliothek und ein Theater, das den besten anderer deutschen Städte keineswegs nachsteht. Und es gehen von dort die Tore und Straßen nach allen Enden der Welt. [...] Wählen Sie Weimar zu Ihrem Wohnort. [...] Für eine Wohnung in meiner Nähe werde ich sorgen.« Goethe, der lebens- und welterfahrene Mann aus den Honoratiorenkreisen Frankfurts am Main, wusste, wie er Menschen in seinem Sinne beeinflussen konnte, und so verlei­tete er auch den unerfahrenen Provinzler Eckermann dazu, zumindest den bevor­stehenden Winter im kleinen thürin­gischen Weimar zu bleiben und für ihn zu arbeiten.

Weimar, Russischer Hof
Während seiner ersten Tage in Weimar logierte Eckermann im "Alexanderhof", einem damals gutbürgerlichen Gasthof, dem heutigen Hotel "Russischer Hof" am Goethe­platz.

Aus ein paar Monaten wurden zunächst neun Jahre an Goethes Seite bis zu dessen Tod und schließlich weitere entbehrungsreiche zweiundzwanzig Jahre, bis Eckermann selber im ungeliebten Weimar starb, in der Fremde, todkrank, verarmt und von der Weimarer Gesellschaft vergessen. Während dieser armseligen Zeit prägte der verbitterte Blick auf jene, denen es besser ging als ihm, dem Poeten, auch Eckermanns Bewusstsein.

 

Eckermanns Wohnungen in Weimar

Das Wissen um Eckermanns Wohnungen in Weimar wird von jeher von Miss­verständnissen bestimmt. Das liegt u. a. an den wiederholt vorgenommenen Änderungen von Straßennamen (z. B. Teinerts Gäßchen in Deinhardtsgasse, diese in Brauhausgasse. Brauhausstraße in Steubenstraße) sowie an ähnlich lautenden Straßennamen (Brauhausgasse und Brauhausstraße; Markt/Am Markt und Marktstraße).

Weimar, Eckermannhaus, Brauhausgasse
Zum 1. Oktober 1823 bezog Eckermann ein Domizil in der heutigen Brauhausgasse Nr. 13, heute gelegentlich auch als "Eckermannhaus" bezeichnet. Von dort waren es nur wenige Schritte bis zu Goethes Haus am Frauenplan.

Das von Goethe versprochene erste feste Quartier Eckermanns in Weimar befand sich im Hause Brauhausgasse 13, damals Deinhardtsgasse. Dort wohnte er bis zu seiner Heirat mit Johanne Bertram im Jahre 1831. Die frischvermählten Eheleute Eckermann zogen dann in das Haus am Theaterplatz 1a, in welchem einige Jahre zuvor Johanna Schopenhauer ihren berühmten Salon unterhalten hatte. Die Ersparnisse der jungen Frau Eckermann sowie einige Geschenke des Hofes ermöglichten eine gutbürgerliche Einrichtung. Johanne Eckermann − ihr Mann gab ihren offizellen Namen irrtümlich stets mit Johanna Eckermann an − sorgte dafür, dass statt der unzähligen Vögel, die in der Wohnung in der Brauhausgasse ihr Dasein gefristet hatten, nun duftende Blumen und gerahmte Bilder eine wohnliche Biedermeier-Atmosphäre schufen.

 
Wohnung am Theaterplatz
Aus den schlichten Junggesellen­räumen in der Brauhausgasse 13 zog Eckermann 1831 mit Ehefrau Johanne an den Theaterplatz.

Nach dem frühen Tod seiner Frau am 30. April 1834 wohnte Eckermann mit Sohn Karl dort noch einige Jahre, ehe er ungefähr im Jahre 1842 in den ersten Stock des stattlichen Hauses des Tuchmachers Zünckel an der Ecke Breite Gasse/Kaufstraße (heute Marktstraße 2) zog, eine, wie Eckermann sich ausdrückte, »einigermaßen anständige Wohnung«. Diese behielt er sogar während seiner Abwesenheit in den Jahren 1844−46 bei. Auch hier im Hause Zünckel hielt Eckermann − sehr zur Freude seines kleinen Sohnes Karl, jedoch zum Leidwesen seiner durch Lärm und Gerüche belästigten Nachbarn − zahlreiche Vögel und Säugetiere.

Zünckelsches Haus, Ansicht Kaufstraße
Marktstraße 2 /Ecke Kaufstraße
Eckermann wohnte von etwa 1842 bis ca. 1852 im 1. Stock eines stattlichen Fachwerkhauses nahe dem Markt.

Seit wahrscheinlich ca. 1852/53 bewohnte Eckermann mit seinem Sohn Karl und einer Haushälterin sowie einer stattlichen Menagerie von Vögeln und anderem Getier eine Wohnung in der zweiten Etage des Hauses Markt 6, der damaligen Drogerie "Zum weißen Falken".

Eckermanns Wohnung am Markt 6
Eckermanns Wohnung am Markt
Hier ging der talentierte Sohn Karl mit großem Ehrgeiz seinen zeich­nerischen Studien an den in den Räumen gehaltenen Vögeln nach, teils auch im Winter bei offenem Fenster.

Nachdem man ihm wegen seines eigenwilligen Verhaltens gekündigt hatte, mietete Eckermann, inzwischen eine von der Weimarer Gesellschaft unbeachtete Person, seit ca. 1853/54 mit Sohn Karl eine Erdgeschosswohnung in der heutigen Steubenstraße, damals Brauhausstraße, bei dem Kammermusiker Klemm, in welcher er am 3. Dezember 1854 in Anwesenheit seines Sohnes Karl an den Folgen eines Schlaganfalls starb.

Eckermanns Wohnung in der Steubenstraße
In dem Hause, das einst an dieser Stelle in der Steubenstraße stand, starb Eckermann 1854.
 

Aus einem Zeitungsartikel aus dem Jahre 1883

«Die Wohnung Eckermanns, die schwerlich dem Ideal einer echten Hausfrau entsprochen haben würde, war für uns Jungen ein Eldorado. Ich rieche noch im Geiste den Menagerieduft, der alle Räume durchzog; wimmelte es doch an allen Ecken und Enden von behaarten und befiederten Hausgenossen, die teils in Käfigen untergebracht waren, teils frei umherliefen und ihrem Naturtrieb, allerdings nicht zur Erhöhung der Reinlichkeit und Vermehrung der guten Luft, nirgends Zwang antaten und anzutun brauchten. Von einem seiner Hauswirte, der sich einmal über diese Zustände beschwerte und dabei vielleicht über Eckermanns Lieblinge etwas starke Ausdrücke gebraucht hatte, behauptete er, das sei ein ganz gefährlicher Kerl, von dem man sich jeder Bosheit versehen könne.

Die Perlen dieser Menagerie, soweit sie mir noch gegenwärtig sind, waren ein Marder, Ratz genannt, der als besondere Leckerei Honig erhielt, und ein ganz zahmer, überaus drolliger Wiedehopf, welcher frei umherflog und auf den Namen Up hörte, zwei Repräsentanten der Tierwelt, denen der Volksmund bekanntlich eine andere Eigenschaft als den Rosen und Veilchen beilegt, was Eckermann freilich entrüstet als böswillige Verleumdung erklärte. Abgesehen von diesen gefangenen Kindern der Wildnis, wurde auch mit den Autochthonen des Hauses, den Mäusen, intimste Freundschaft unterhalten; besonders eine semmelblonde Spielart, die Isabelle genannt, war der erklärte Liebling, und als sie einestags, nachdem sie schon längere Zeit vermisst war, als eingetrocknete Mumie hinter einem Stoß Bücher gefunden wurde, war die Trauer groß. Einmal, ich weiß es noch wie heute, sagte der Alte zu mir: "Komm min Jong, wir wollen einen Spaziergang machen!"

Dabei griff er nach einem im Schrank befindlichen Paar Stiefeln, das eine Weile außer Gebrauch gewesen war; da stellte es sich heraus, dass inzwischen eine Mäusemutter in dem einen ihr Wochenbett abgehalten hatte. Pietätvoll stellte Eckermann den Stiefel mit seinem zarten Inhalt auf den alten Fleck und suchte ein anderes Paar hervor.»

William Marshall (geb. 1845, Kamerad von Eckermanns Sohn Karl)

Herbstabend in Weimar (Stadtkirche)
Weimar.
Glücklich Weimar! – Von den Städten allen
Bist du, kleine, wunderbar bedacht;
Man wird stets zu deinen Toren wallen,
Angezogen von der heil'gen Macht;
Und man wird nach großen Männern fragen,
Die in schönen Zeiten hier gestrebt,
Und mit edlem Neid wird man beklagen,
Dass man mit den Edlen nicht gelebt.
(J. P. Eckermann)
 
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Eckermanns schönste und beste Werke

Helmuth Hinkfoth (Hg.)

Erzählungen, Gedichte und
Briefe
J. P. Eckermanns mit
einer Auswahl
aus den
Gesprächen mit Goethe
mehr ...
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«Wenn Goethe und einzelne höchst geistreiche Männer nicht meine Freunde und mein täglicher Umgang wären [...], ich möchte hier keinen Tag bleiben. Denn die hiesige Natur, die Stadt, und das Volk bieten wenig Anziehendes.»

(Eckermann schon früh an seine Braut über Weimar, 18. August 1825)

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Warum verließ Eckermann angesichts all der Beschwernisse Weimar nicht einfach? — Die banale Antwort lautet: Er hatte kein Geld! Er besaß schlichtweg nicht die finanziellen Mittel, um an einem anderen Ort, vorzugsweise in der Residenzstadt Hannover, einen Neuanfang zu wagen. Ohne Ersparnisse, ohne ausreichende feste Einkünfte und ohne die Aussicht auf eine feste Anstellung lag er an der Kette des spärlichen Ehrensolds, den ihm die weimarische Großherzogin zuverlässig gewährte, der jedoch zum Überleben für sich und seinen kleinen Sohn nicht annähernd reichte.

Eckermanns Grabstätte an der Fürstengruft in Weimar
Eckermanns Grabstätte an der Fürstengruft in Weimar
Die beiden Inschriften der Stele lauten:
"Hier ruht Eckermann, Göthes Freund.
Geb. d. 21ten Septembr 1792.
Gest. d. 3ten December 1854."
"Errichtet in dankbarer Erinnerung seinem Lehrer durch den Großherzog Carl Alexander."
 

Besondere Nachrufe

»Wer ihn nicht aufsuchte, für den lebte er nicht.«

(Apollonius von Maltitz, Diplomat und Dichter, 6. Dezember 1854, über den alten Eckermann nach dessen Beerdigung am selben Tage)

»Eckermanns "Mitteilungen aus Gesprächen mit Goethe" haben ihm ein bleibendes Denkmal gestiftet [...]. Keiner, der [in Weimar] Goethes Spuren aufsucht, wird vergessen, auch das bescheidene Grab des treuesten aller verehrenden Diener des Genius aufzusuchen.«

(Adolf Stahr, 1805−1876, Schriftsteller, 1854. Stahr besuchte Eckermann im Frühsommer 1851.)

Literatur

Helmuth Hinkfoth

Goethes
Gesprächspartner

Eine grundlegende
Biografie

Eckermanns Reisen und Wohnorte
Helmuth Hinkfoth

J. P. Eckermanns
gemächliche Reisen
Anhang: Eckermanns
Weimarer Wohnungen