Inhalt   Daten   Leben   Gespräche   Gedichte   Stationen   Winsen   Weimar   Goethe   Ambitionen   Urteile   Dokumente   Karl   Kontakt
Gespräche   Index   Gsp. 1   Gsp. 2   Gsp. 3   Gsp. 4   Gsp. 5   Gsp. 6   Gsp. 7   Gsp. 8   Gsp. 9   Gsp. 10   Gsp. 11   Gsp. 12   Gsp. 13   Gsp. 14   Gsp. 15
Gsp. 16   Gsp. 17   Gsp. 18   Gsp. 19   Gsp. 20   Gsp. 21   Gsp. 22   Gsp. 23   Gsp. 24   Gsp. 25   Gsp. 26   Gsp. 27   Gsp. 28   Gsp. 29   Gsp. 30   Gsp. 31

Johann Peter Eckermann - Gespräche mit Goethe (27)

(Goethes Tod. An Goethes Totenbett am 23. März 1832)
[ANFANGS MÄRZ 1832.]
[...]

EINIGE TAGE SPÄTER

Am andern Morgen nach Goethes Tode1) ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloss mir das Zimmer auf, wo man ihn hingelegt hatte. Auf dem Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender; tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhaben-edlen Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht verhinderte mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Bettuch gehüllet, große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form; und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit, oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, dass der unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf sein Herz, - es war überall eine tiefe Stille, - und ich wendete mich abwärts, um meinen verhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen.


Goethe auf dem Totenbett
Goethe auf dem Totenbett
Zeichnung von
Friedrich Preller


1)
Goethes Tod: Todesursache und Todesumstände
Im Gefolge einer Erkältung hatte Goethe sich ca. am 15. März 1832 eine schwere fiebrige Infektion der Atemwege zugezogen, die sich wahrscheinlich zu einer Lungenentzündung auswuchs. Der Bericht seines Arztes Dr. Vogel lässt vermuten, dass im weiteren Verlauf ein Herzinfarkt hinzukam. In der Todesanzeige der Familie hieß es, Goethe sei "am Stickfluss infolge eines zurückgeworfenen Katarrhalfiebers" gestorben. Sein Leben erlosch langsam und friedlich, während er im Lehnstuhl neben seinem Bette saß. Am 22. März 1832 vormittags gegen 11:30 Uhr trat in Anwesenheit Ottilie von Goethes, des Arztes Dr. Vogel und des mit Goethe befreundeten Oberbaudirektors Coudray sowie des Dieners Friedrich und des Schreibers John der Tod ein. Im Nebenzimmer waren zu jener Zeit Goethes Enkel, Kanzler Friedrich von Müller, Riemer, Eckermann, Soret sowie der Bibliothekssekretär Kräuter zugegen.
(Anm. d. Hrg.)

(Eckermann, Gespräche mit Goethe; ungekürzt; Überschrift, Abbildung und Anmerkung vom Herausgeber eingefügt)


Oben   Inhalt   Kontakt