Inhalt   Daten   Leben   Gespräche   Gedichte   Stationen   Winsen   Weimar   Goethe   Ambitionen   Urteile   Dokumente   Karl   Literatur   Kontakt
Gespr.-Verzeichnis   Gsp. 1   Gsp. 2   Gsp. 3   Gsp. 4   Gsp. 5   Gsp. 6   Gsp. 7   Gsp. 8   Gsp. 9   Gsp. 10   Gsp. 11   Gsp. 12   Gsp. 13   Gsp. 14   Gsp. 15
Gsp. 16   Gsp. 17   Gsp. 18   Gsp. 19   Gsp. 20   Gsp. 21   Gsp. 22   Gsp. 23   Gsp. 24   Gsp. 25   Gsp. 26   Gsp. 27   Gsp. 28   Gsp. 29   Gsp. 30   Gsp. 31

Johann Peter Eckermann − Gespräche mit Goethe (14)

(Goethe über Lessing und kritisch über Voltaire)
Mittwoch den 15. Oktober 1825.

Ich fand Goethe diesen Abend in besonders hoher Stimmung und hatte die Freude, aus seinem Munde abermals manches Bedeutende zu hören. Wir sprachen über den Zustand der neuesten Literatur, wo denn Goethe sich folgendermaßen äußerte:

»Mangel an Charakter der einzelnen forschenden und schreibenden Individuen, sagte er, ist die Quelle alles Übels unserer neuesten Literatur.

Besonders in der Kritik zeigt dieser Mangel sich zum Nachteile der Welt, indem er entweder Falsches für Wahres verbreitet, oder durch ein ärmliches Wahres uns um etwas Großes bringt, das uns besser wäre.
[...]

Ein Mann wie Lessing täte uns not. Denn wodurch ist dieser so groß als durch seinen Charakter, durch sein Festhalten! − So kluge, so gebildete Menschen gibt es viele, aber wo ist ein solcher Charakter!

Viele sind geistreich genug und voller Kenntnisse, allein sie sind zugleich voller Eitelkeit, und um sich von der kurzsichtigen Masse als witzige Köpfe bewundern zu lassen, haben sie keine Scham und Scheu und ist ihnen nichts heilig.

Die Frau von Genlis hat daher vollkommen recht, wenn sie sich gegen die Freiheiten und Frechheiten von Voltaire auflegte. Denn im Grunde, so geistreich alles sein mag, ist der Welt doch nichts damit gedient; es lässt sich nichts darauf gründen. Ja es kann sogar von der größten Schädlichkeit sein, indem es die Menschen verwirrt und ihnen den nötigen Halt nimmt.

Voltaire
Voltaire
(1694 − 1778)

Und dann! Was wissen wir denn, und wie weit reichen wir denn mit all unserm Witze!

Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht, und sich sodann an der Grenze des Begreiflichen zu halten.

Die Handlungen des Universums zu messen, reichen seine Fähigkeiten nicht hin, und in das Weltall Vernunft bringen zu wollen, ist bei seinem kleinen Standpunkt ein sehr vergebliches Bestreben. Die Vernunft des Menschen und die Vernunft der Gottheit sind zwei sehr verschiedene Dinge.«
[...]


(Eckermann, Gespräche mit Goethe. An den gekennzeichneten Stellen gekürzt. Überschrift und Nummerierung vom Herausgeber eingefügt.)

Literatur
Eine anregende Biografie
über den ungewöhnlichen Menschen und den ehrgeizigen Schriftsteller Johann Peter Eckermann mit überraschenden Einblicken in Goethes persönliche Welt:
Eckermann-Biographie, 2014
Helmuth Hinkfoth
Eckermann
Goethes Gesprächspartner

Oben   Gespräche-Index   Inhalt   Kontakt