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Johann Peter Eckermann - Gespräche mit Goethe (13)(Über den gesellschaftlichen Umgang)
SONNTAG DEN 2. MAI 1824.
Goethe machte mir Vorwürfe, dass ich eine hiesige angesehene Familie nicht besucht. »Sie hätten, sagte er, im Laufe des Winters dort manchen genussreichen Abend verleben, auch die Bekanntschaft manches bedeutenden Fremden dort machen können; das ist Ihnen nun, Gott weiß durch welche Grille, alles verloren gegangen.« Bei meiner erregbaren Natur, antwortete ich, und bei meiner Disposition vielseitig Interesse zu nehmen und in fremde Zustände einzugehen, hätte mir nichts lästiger und verderblicher sein können, als eine zu große Fülle neuer Eindrücke. Ich bin nicht zu Gesellschaften erzogen und nicht darin hergekommen. Meine früheren Lebenszustände waren der Art, dass es mir ist, als hätte ich erst seit der kurzen Zeit zu leben angefangen, die ich in Ihrer Nähe bin. Nun ist mir alles neu. Jeder Theaterabend, jede Unterredung mit Ihnen macht in meinem Innern Epoche. Was an anders kultivierten und anders gewöhnten Personen gleichgültig vorübergeht, ist bei mir im höchsten Grade wirksam; und da die Begier, mich zu belehren, groß ist, so ergreift meine Seele alles mit einer gewissen Energie und saugt daraus so viele Nahrung als möglich. Bei solcher Lage meines Innern hatte ich daher im Laufe des letzten Winters am Theater und dem Verkehr mit Ihnen vollkommen genug, und ich hätte mich nicht neuen Bekanntschaften und anderem Umgange hingeben können, ohne mich im Innersten zu zerstören. »Ihr seid ein wunderlicher Christ, sagte Goethe lachend; tut, was Ihr wollt, ich will Euch gewähren lassen.« Und dann, fuhr ich fort, trage ich in die Gesellschaft gewöhnlich meine persönlichen Neigungen und Abneigungen, und ein gewisses Bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden. Ich suche eine Persönlichkeit, die meiner eigenen Natur gemäß sei; dieser möchte ich mich gerne hingeben und mit den andern nichts zu tun haben. »Diese Ihre Natur-Tendenz, erwiderte Goethe, ist freilich nicht geselliger Art; allein was wäre alle Bildung, wenn wir unsere natürlichen Richtungen nicht wollten zu überwinden suchen! Es ist eine große Torheit, zu verlangen, dass die Menschen zu uns harmonieren sollen. Ich habe es nie getan. Ich habe einen Menschen immer nur als ein für sich bestehendes Individuum angesehen, das ich zu erforschen, und das ich in seiner Eigentümlichkeit kennenzulernen trachtete, wovon ich aber durchaus keine weitere Sympathie verlangte. Dadurch habe ich es nun dahin gebracht, mit jedem Menschen umgehen zu können, und dadurch allein entsteht die Kenntnis mannigfaltiger Charaktere, so wie die nötige Gewandtheit im Leben. Denn gerade bei widerstrebenden Naturen muss man sich zusammennehmen, um mit ihnen durchzukommen, und dadurch werden alle die verschiedenen Seiten in uns angeregt und zur Entwicklung und Ausbildung gebracht, sodass man sich denn bald jedem vis-a-vis gewachsen fühlt. So sollen Sie es auch machen. Sie haben dazu mehr Anlage, als Sie selber glauben; und das hilft nun einmal nichts, Sie müssen in die große Welt hinein, Sie mögen sich stellen, wie Sie wollen.« Ich merkte mir diese guten Worte und nahm mir vor, so viel wie möglich danach zu handeln. (Eckermann, Gespräche mit Goethe; an gekennzeichneter Stelle gekürzt; Überschrift vom Herausgeber eingefügt)
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