Johann Peter Eckermann - Gespräche mit Goethe (10)
(Goethes Erklärung für die "Berliner Schnauze")
DONNERSTAG DEN 4. DEZEMBER 1823.
Diesen Morgen brachte mir Sekretär Kräuter eine Einladung bei Goethe zu Tisch. Dabei gab er mir von Goethe den Wink, Zeltern1) doch ein Exemplar meiner Beiträge zur Poesie zu verehren. Ich tat so und brachte es ihm ins Wirtshaus. [...]
Ich machte darauf mit Zelter vor Tisch einen Spaziergang. [...] Wind und Regen nötigten uns, früher zurückzugehen, als wir gerne wollten. Ich begleitete ihn bis vor Goethes Haus, wo er zu Frau von Goethe hinaufging, um mit ihr vor Tisch noch einiges zu singen. [...]
Als ich darauf später mit Goethe allein war, fragte er mich über Zelter. »Nun, sagte er, wie gefällt er Ihnen?« Ich sprach über das durchaus Wohltätige seiner Persönlichkeit. »Er kann, fügte Goethe hinzu, bei der ersten Bekanntschaft etwas sehr derbe, ja mitunter sogar etwas roh erscheinen. Allein das ist nur äußerlich. Ich kenne kaum jemanden, der zugleich so zart wäre wie Zelter. Und dabei muss man nicht vergessen, dass er über ein halbes Jahrhundert in Berlin zugebracht hat. Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegener Menschenschlag beisammen, dass man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern dass man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten.«
1) Carl Friedrich Zelter (1758—1832), Berliner Musiker, Komponist und Dirigent. Leiter der Berliner Singakademie, Professor für Musik an der Berliner Akademie der schönen Künste. Zelter vertonte an die hundert Gedichte Goethes, dessen enger Freund und Vertrauter er war; beide trafen sich häufig und unternahmen auch zahlreiche gemeinsame Ausflüge und Reisen.
(Eckermann, Gespräche mit Goethe; an gekennzeichneten Stellen gekürzt; Überschrift vom Herausgeber eingefügt)
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