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Johann Peter Eckermann − Gespräche mit Goethe (10)

(Goethe über Dichterinnen, Schillers Persönlichkeit und Briefe. Goethes und Schillers Zusammenarbeit am "Tell" und "Egmont")
Dienstag den 18. Januar 1825.

Ich ging heute um fünf Uhr zu Goethe, den ich in einigen Tagen nicht gesehen hatte, und verlebte mit ihm einen schönen Abend. Ich fand ihn in seiner Arbeitsstube in der Dämmerung sitzend in Gesprächen mit seinem Sohn und dem Hofrat Rehbein, seinem Arzt. Ich setzte mich zu ihnen an den Tisch. Wir sprachen noch eine Weile in der Dämmerung, dann ward Licht gebracht, und ich hatte die Freude, Goethe vollkommen frisch und heiter vor mir zu sehen.

Er erkundigte sich, wie gewöhnlich, teilnehmend nach dem, was mir in diesen Tagen Neues begegnet, und ich erzählte ihm, dass ich die Bekanntschaft einer Dichterin gemacht habe. Ich konnte zugleich ihr nicht gewöhnliches Talent rühmen, und Goethe, der einige ihrer Produkte gleichfalls kannte, stimmte in dieses Lob mit ein. »Eins von ihren Gedichten, sagte er, wo sie eine Gegend ihrer Heimat beschreibt, ist von einem höchst eigentümlichen Charakter. Sie hat eine gute Richtung auf äußere Gegenstände, auch fehlt es ihr nicht an guten inneren Eigenschaften. Freilich wäre auch manches an ihr auszusetzen, wir wollen sie jedoch gehen lassen und sie auf dem Wege nicht irren, den das Talent ihr zeigen wird.«

Das Gespräch kam nun auf die Dichterinnen im allgemeinen und der Hofrat Rehbein bemerkte, dass das poetische Talent der Frauenzimmer ihm oft als eine Art von geistigem Geschlechtstrieb vorkomme. »Da hören Sie nur, sagte Goethe lachend, indem er mich ansah, geistigen Geschlechtstrieb! – wie der Arzt das zurechtlegt!« – Ich weiß nicht, ob ich mich recht ausdrücke, fuhr dieser fort, aber es ist so etwas. Gewöhnlich haben diese Wesen das Glück der Liebe nicht genossen und sie suchen nun in geistigen Richtungen Ersatz. Wären sie zu rechter Zeit verheiratet und hätten sie Kinder geboren, sie würden an poetische Produktionen nicht gedacht haben.

»Ich will nicht untersuchen, sagte Goethe, inwiefern Sie in diesem Falle recht haben; aber bei Frauenzimmer-Talenten anderer Art habe ich immer gefunden, dass sie mit der Ehe aufhörten. Ich habe Mädchen gekannt, die vortrefflich zeichneten, aber sobald sie Frauen und Mütter wurden, war es aus; sie hatten mit den Kindern zu tun und nahmen keinen Griffel mehr in die Hand.

Doch unsere Dichterinnen, fuhr er sehr lebhaft fort, möchten immer dichten und schreiben, so viel sie wollten, wenn nur unsere Männer nicht wie die Weiber schrieben! Aber das ist es, was mir nicht gefällt. Man sehe doch unsere Zeitschriften und Taschenbücher, wie das alles so schwach ist und immer schwächer wird! – Wenn man jetzt ein Kapitel des Cellini im Morgenblatt abdrucken ließe, wie würde sich das ausnehmen! – «

[...]

Goethe war in der besten Laune. Er ließ eine Flasche Wein kommen, wovon er Riemern und mir einschenkte; er selbst trank Marienbader Wasser. Der Abend schien bestimmt zu sein, mit Riemern das Manuskript seiner fortgesetzten Selbstbiographie durchzugehen, um vielleicht hinsichtlich des Ausdruckes hin und wieder noch einiges zu verbessern. »Eckermann bleibt wohl bei uns und hört mit zu,« sagte Goethe, welches mir sehr lieb war zu vernehmen. Und so legte er denn Riemern das Manuskript vor, der mit dem Jahre 1795 zu lesen anfing. [...]

Nachdem nun so, von [...] interessanten Äußerungen und Einflechtungen Goethes unterbrochen, das gedachte Manuskript bis zu Ende des Jahres 1800 vorgelesen und besprochen war, legte Goethe die Papiere an die Seite und ließ an einem Ende des großen Tisches, an dem wir saßen, decken und ein kleines Abendessen bringen. Wir ließen es uns wohl sein; Goethe selbst rührte aber keinen Bissen an, wie ich ihn denn nie abends habe essen sehen. Er saß bei uns, schenkte uns ein, putzte die Lichter und erquickte uns überdies geistig mit den herrlichsten Worten. Das Andenken Schillers war in ihm so lebendig, dass die Gespräche dieser letzten Hälfte des Abends nur ihm gewidmet waren.


Friedrich Schiller
Friedrich von Schiller
(1759−1805)
nach einem Gemälde
aus dem Jahre 1803

Riemer erinnerte an Schillers Persönlichkeit. Der Bau seiner Glieder, sein Gang auf der Straße, jede seiner Bewegungen, sagte er, war stolz, nur die Augen waren sanft. »Ja, sagte Goethe, alles übrige an ihm war stolz und großartig, aber seine Augen waren sanft. Und wie sein Körper war sein Talent. Er griff in einen großen Gegenstand kühn hinein und betrachtete und wendete ihn hin und her und sah ihn so an und so, und handhabte ihn so und so. Er sah seinen Gegenstand gleichsam nur von außen an, eine stille Entwickelung aus dem Innern war nicht seine Sache. Sein Talent war mehr desultorisch. Deshalb war er auch nie entschieden und konnte nie fertig werden. Er wechselte oft noch eine Rolle kurz vor der Probe.

Und wie er überall kühn zu Werke ging, so war er auch nicht für vieles Motivieren. Ich weiß, was ich mit ihm beim Tell für Not hatte, wo er geradezu den Geßler einen Apfel vom Baum brechen und vom Kopf des Knaben schießen lassen wollte. Dies war nun ganz gegen meine Natur, und ich überredete ihn, diese Grausamkeit doch wenigstens dadurch zu motivieren, dass er Tells Knaben mit der Geschicklichkeit seines Vaters gegen den Landvogt großtun lasse, indem er sagt, dass er wohl auf hundert Schritte einen Apfel vom Baum schieße. Schiller wollte anfänglich nicht daran, aber er gab doch endlich meinen Vorstellungen und Bitten nach und machte es so wie ich ihm geraten.

Dass ich dagegen oft zu viel motivierte, entfernte meine Stücke vom Theater. Meine Eugenie ist eine Kette von lauter Motiven, und dies kann auf der Bühne kein Glück machen.

Schillers Talent war recht fürs Theater geschaffen. Mit jedem Stück schritt er vor und ward er vollendeter; doch war es wunderlich, dass ihm noch von den Räubern her ein gewisser Sinn für das Grausame anklebte, der selbst in seiner schönsten Zeit ihn nie ganz verlassen wollte. So erinnere ich mich noch recht wohl, dass er im Egmont in der Gefängnisszene, wo diesem das Urteil vorgelesen wird, den Alba in einer Maske und in einen Mantel gehüllt im Hintergrunde erscheinen ließ, um sich an dem Effekt zu weiden, den das Todesurteil auf Egmont haben würde. Hiedurch sollte sich der Alba als unersättlich in Rache und Schadenfreude darstellen. Ich protestierte jedoch, und die Figur blieb weg. Er war ein wunderlicher großer Mensch.

Alle acht Tage war er ein anderer und ein vollendeterer; jedesmal wenn ich ihn wiedersah, erschien er mir vorgeschritten in Belesenheit, Gelehrsamkeit und Urteil. Seine Briefe sind das schönste Andenken, das ich von ihm besitze, und sie gehören mit zu dem Vortrefflichsten, was er geschrieben. Seinen letzten Brief bewahre ich als ein Heiligtum unter meinen Schätzen.« Goethe stand auf und holte ihn. »Da sehen und lesen Sie,« sagte er, indem er mir ihn zureichte.

Der Brief war schön und mit kühner Hand geschrieben. Er enthielt ein Urteil über Goethes Anmerkungen zu Rameaus Neffen, welche die französische Literatur jener Zeit darstellen, und die er Schillern in Manuskript zur Ansicht mitgeteilt hatte. Ich las den Brief Riemern vor. »Sie sehen, sagte Goethe, wie sein Urteil treffend und beisammen ist, und wie die Handschrift durchaus keine Spur irgendeiner Schwäche verrät. – Er war ein prächtiger Mensch und bei völligen Kräften ist er von uns gegangen. Dieser Brief ist vom 24. April 1805. – Schiller starb am 9. Mai.«

Wir betrachteten den Brief wechselweise und freuten uns des klaren Ausdrucks wie der schönen Handschrift, und Goethe widmete seinem Freunde noch manches Wort eines liebevollen Andenkens, bis es spät gegen elf Uhr geworden war und wir gingen.



(Eckermann, Gespräche mit Goethe. An den gekennzeichneten Stellen gekürzt. Überschrift, Nummerierung, Abbildungen und Anmerkung vom Herausgeber eingefügt)
Goethe über Schiller: s. a. die Gespräche 3, 13, 17, 21 und 22.

Literatur
Eckermann-Anthologie
Die Glanzlichter aus den "Gesprächen mit Goethe"
Helmuth Hinkfoth (Hg.)
Am Abend ein Stündchen
bei Goethe
Prosa und Lyrik
Johann Peter Eckermanns
Eckermann-Biographie, 2014
Eine anregende Biografie
über J. P. Eckermann
Helmuth Hinkfoth
Eckermann
Goethes
Gesprächspartner

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